Checkliste: Wie gelingt Elternschaft geschlechter­gerecht?

von Ines Pohlkamp

2025

Diese Checkliste ist als Fragenkatalog konzipiert. Sie bietet erste An­regungen für Menschen, die sich in ver­schiedenen Kon­stel­la­tionen vor­stellen können, zu­künftig eine Eltern­schaft zu über­nehmen, die Eltern werden oder die ihre Eltern­schaft(en) auf Gleich­berechtigung über­prüfen wollen. Prüfe, welche Fragen dich an­sprechen und über­springe jene, die für dich und deine Lebens­rea­lität(en) nicht relevant sind. Gerne kannst du die Fragen er­gänzen, falls dir Aspekte für die Re­flexion ge­fehlt haben.

Mein Leben

  • Was sind meine Prioritäten? Was ist mir wichtig im Leben?
  • Wie bin ich großgeworden? Welche Eltern­modelle habe ich kennen­gelernt?
  • Von welchen Erfahrungen profi­tiere ich?
  • Welche Erfahrungen motivieren mich, es in der Eltern­schaft anders zu machen?
  • Welche Rolle spielt mit Blick auf meine Lebens­ziele der Wunsch nach einem Kind bzw. der Wunsch, mehrere Kinder zu er­ziehen und zu be­gleiten?
  • Welche Bedeutung hat die (unbezahlte) Care-Arbeit in meinem bis­herigen Leben? Welche Care-Auf­gaben über­nehme ich (bisher nicht)?
  • Welche Rolle spielt der Beruf und be­rufliche Karriere für mich?
  • Welchen Stellenwert nimmt meine aktive Freizeit­ge­staltung ein (Hobbies, Sport...)?
  • Welchen Stellenwert hat gesellschaftliches und/ oder poli­tisches Engage­ment in meinem Leben (Ehrenamt, Aktivismus, ...)?

Botschaften zur Elternschaft

  • Mit welchen Botschaften zu Elternschaft bin ich bisher kon­frontiert worden?
  • Welche Werte sind mir im Kontext Elternschaft wichtig?
  • Welche Rolle spielt Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit für mich?
  • Wer ist für die die Umsetzung einer gleichberechtigten Elternschaft ein Vorbild für mich?
  • Gibt es einen Kreis von Unterstützer*innen (z.B. Communities)?
  • Welche Rolle spielen für die Vorstellung von Eltern­schaft so­ziale Her­kunft, Migrations­geschichte(n), Ge­schlecht, se­xuelle Orien­tierung, Körper, Habitus, Sehn­süchte?
  • Was bedeutet Gleichberechtigung in der Sorge­arbeit für mich? Was ist mir wichtig?

Kinderwunsch

  • Welche Wünsche und Erwartungen verbinde ich mit Eltern­schaft?
  • In welcher Altersspanne möchte ich gerne ein Kind/ mehrere Kinder be­kommen/ Ver­antwortung für Eltern­schaft über­nehmen? Welche Alters­spanne hat für mich welche Vor- und Nach­teile?
  • Wie stelle ich mir das vor? Sollen weitere Menschen mit mir zu­sammen Eltern werden?
  • Wie stelle ich mir das Zusammenleben von Eltern, Sorge­verant­wort­lichen und Fa­milie vor?
  • Was bedeutet Gleichberechtigung in Bezug auf Care-Arbeit für mich? Was ist mir wichtig?
  • Welche strukturellen Bedingungen wünsche ich mir, um eine gleich­be­rechtigte Fa­milien­planung um­setzen zu können?

Bei eigener Schwangerschaft

  • Wie stelle ich mir meine Schwangerschaft vor?
  • In welcher geschlechtlichen Positionierung bin ich? Wie verorte ich mich? Was be­deutet es, in diesem Kon­text eine cis-Frau, nicht-binär, trans* oder ein anderes Geschlecht zu haben? Wo finde ich sichere Räume für meine Ge­schlecht­lich­keit und Eltern­schaft?
  • Wie gut bin ich über die medizinische und nicht-medizinische Be­gleitung, die Be­ratung durch He­bammen infor­miert? Wie stehe ich zur Pränatal­diagnostik? Welche Unter­suchungen lasse ich machen? Welche nicht?
  • Welche medizinische Versorgung ist mir wichtig (He­bamme, Geburts­vorbereitung...)?
  • Welche Sichtweisen auf Krankheit/ Gesundheit prägen mich und die be­teiligten (zu­künftigen) Eltern­teile und Sorge­berechtigte? Wo gibt es möglicher­weise Konflikt- oder Streit­punkte?
  • Was bereitet mir Sorge?
  • Wer organisiert das Wochenbett ent­sprechend den Wün­schen der schwangeren Person?
  • Wer entscheidet was wann? Wer entscheidet z.B. wie der Name des Kindes lauten wird (Vor- und Nachname)?

Lohnarbeit und finanzielle Planung

  • Wie plane ich Einkommen und Altersvorsorge?
  • Welche Unterschiede gibt es in den Einkommen möglicher be­teiligter Akteur*innen und wie beeinflusst dies die (unbezahlte) Care-Arbeit?
  • Welche beruflichen Schritte stehen in naher Zukunft an, was steht noch aus (Ab­schlüsse, Zusatz­quali­fika­tionen, Karriere­planung)?
  • Welches ökonomische Risiko bin ich bereit ein­zu­gehen?
  • Wie organisiere ich (gemeinsam mit anderen) die Fi­nanzen?
  • Wie gehe ich mit Fallstricken um (wie z.B. der Selbst­verständ­lichkeit, dass in hetero­sexuellen Paar­beziehungen häufig die Mutter zu­hause bleibt und der Vater in die Erwerbs­arbeit geht)?
  • Welche strukturellen Bedingungen benötige ich, um ge­meinsam mit anderen eine gleich­berechtigte Familien­planung um­setzen zu können?

Soziale Rahmenbedingungen in verschiedenen Phasen der Elternschaft

  • Wie will ich wohnen? Alleine, alleine mit Kind, mit Partner*in(nen), Wohn­gemeinschaft, Haus­projekt u.a.?
  • Ist die Wohnsituation kindgerecht? Was möchte und was könnte ich ändern?
  • Welche kinderfreundlichen Orte gibt es in meiner Nähe?
  • Wer sind Unterstützer*/innen der Eltern­schaft? Auf wen kann ich zählen?
  • Wer übernimmt in welchem Zeitraum welche Zu­ständig­keiten?
  • Braucht es Unterstützung in der Kinderbetreuung? Wer kann mich zu­verlässig in der Kinder­betreuung unter­stützen? Was ist dabei wichtig?

Begleitung von Kind(ern)

  • Welche Werte und Prinzipien sind mir wichtig?
  • Welche Vorstellungen von Schlaf, Ernährung, Auf­merk­sam­keit und Für­sorge habe ich?
  • Wie findet Kommunikation zwischen Eltern­teilen statt?
  • Wie wird mit dem Kind kommuniziert?
  • Welche Rolle spielt das Geschlecht des Kindes? Bin ich auf ge­schlechtliche und se­xuelle Viel­falt gut vor­be­reitet? Kenne ich mich mit Inter­sexualität, Trans-Geschlecht­lich­keit und der Viel­falt von Ge­schlecht aus?
  • Wie werden Konflikte in der Familie ge­löst?
  • Welche Rollenvorbilder existieren bzw. fehlen?

Rechtliche Rahmenbedingungen

Bin ich informiert über...?

  • Mutterschutzfristen und Mutterschutzlohn
  • Beschäftigungsverbote
  • Elternzeit- und Elterngeld-Regelungen
  • Sorgerecht (auch: Vaterschafts­anerkennung)
  • Staatsbürgerrecht und Aufenthalts­status
  • Unterhaltsansprüche
  • Krankenversicherung für das Kind
  • Wohn- und Betreuungsregelungen
  • Kindergeld, Steuerfreibeträge, Lohn­steuer und Ehe­gatten­splitting
  • Erbrecht
  • Haftpflicht- und weitere Versicherungen
  • Gesundheitsvorsorge (auch bei Geburt)

Netzwerke und Kindertages­stätten

  • Wann möchte ich ein Kind in eine institutionelle Be­treuung geben?
  • Was ist mir diesbezüglich konzeptionell wichtig (z.B. diskriminierungs­kritisch, orien­tiert an Vielfalt)?
  • Welche Krippen, Kindertagesstätten kommen für mich infrage?
  • Wer kann mein Kind außer mir in die Kita bringen (und von dort ab­holen)?
  • Wie sehen die medizinische Versorgung und weitere infra­strukturelle Aus­stattung (kinder­freundliche Orte) für Kinder im Quar­tier aus?
  • Welche Netzwerke sind offen für LSBTQINA+ Familien, BI*/PoC Familien, Ein-Eltern­teil-Fa­milien,- welche Netz­werke be­grüßen die Viel­falt von Familien­konstellationen?

Selbstsorge/ Achtsamkeit

  • Wie kann ich meine eigenen Bedürfnisse gut wahr­zu­nehmen?
  • Wie gehe ich mit Mental Load um? Wer fühlt sich bei verschiedenen Eltern­schaften zuständig, das Familien­leben zu or­gani­sieren? Wer denkt an Ge­burtstage, Klassen­fahrten und Ärzt*innen-Termine? Wer organisiert die Aus­reisen, die Haus­halts­auf­gaben, wie sind die Zu­ständig­keiten fürs Wäsche­waschen, Ein­kaufen, … verteilt? Welche An­sprüche habe ich an meine Haus­halts­führung?
  • Welche regelmäßigen Aktivitäten sind für mein Wohl­befinden wichtig?
  • Welche Ängste und Unsicherheiten habe ich? Mit wem kann ich über meine Sorgen und Ge­fühle sprechen?
  • Wie kann ich meinem Körper liebevoll und acht­sam be­gegnen?
  • Welche Communitys sind für mich (aufgrund meiner sozialen, ge­wählten Zu­gehörig­keit(en)) für die Eltern­schaft wichtig?

Konflikte

Diese Konflikte bilden Alltagssituationen ab, in denen du als Eltern­teil unter Stress geraten könnten. Checke, wie du rea­gieren würdest.

  • Die zweite oder dritte Person will auch Elternzeit nehmen, Du willst 12 Monate nehmen.
  • Dein Kind erhält keinen Kinder­tages­stätten-Platz in der Nähe.
  • Der Kindergarten bleibt geschlossen. Akuter Personal­mangel. Eine Per­son muss zu Hause bleiben, um das Kind/ die Kinder zu betreuen. Wer wird zu Hause bleiben? Was sind die Kriterien?
  • Das Mittagessen in der Schule fällt aus. Der Nachmittags­unter­richt aus. Du bist auf der Ar­beit und kannst nicht nach Hause.
  • Dein Kind braucht regelmäßige Unter­stützung beim Lernen in bzw. nach der Schule.
  • Dein Kind spricht mehrere Sprachen. Mehr­sprachig­keit wird in der Schule unter­bunden.
  • Die Schule startet erst um 8 Uhr, Deine Schicht beginnt um 6 Uhr.
  • Das Kind sagt, es will zu einem anderen Eltern­teil ziehen.
  • Dein Kind hat einen Förderbedarf und braucht Unter­stützung im Leben.
  • Dein Kind wird von anderen Kindern in der Ein­richtung aus­ge­grenzt.
  • Dein Kind ist längerfristig erkrankt. Dein*e Arbeitgeber*in hat zunächst Ver­ständnis, droht dann aber mit Konse­quenzen, wenn du die Auf­gaben im Job aufgrund von Zeit­mangel nicht mehr meistern können.
  • Deine Partner*in(nen) hat (haben) eine Leitungs­position. Es ist ver­ein­bart, dass du besser zu Hause bleiben kannst, weil du weniger ver­dienst. Mit der Zeit dämmert dir, dass diese Verein­barung schon sehr lange fortbesteht.

Zitationsvorschlag:
Pohlkamp, Ines 2025: Checkliste: Wie gelingt Elternschaft geschlechter­gerecht? In: tifs-Einwürfe. Tübinger Institut für gender- und diversitätsbewusste Sozialforschung und Praxis e.V. Verfügbar unter: https://www.tifs.de/tifs-einwuerfe/checkliste-wie-gelingt-elternschaft-geschlechtergerecht [Abgerufen am Datum].