Kein Abschied von Geschlechterstereotypen?
von Gerrit Kaschuba2025
Auf der einen Seite gibt es eine öffentliche Auseinandersetzung über Geschlechterstereotype, ein erhöhtes Bewusstsein und auch Verschiebungen, gleichzeitig erweisen sie sich als mächtige Instanzen.
Männlichkeit als Norm. Weiblichkeit als Abweichung?
Geschlechterstereotype werden im Kindesalter vor allem durch Eltern, das soziale Umfeld, Peers und die Medien, in den letzten Jahren vor allem die sozialen Medien, vermittelt und gelernt. Stereotype darüber, welche Geschlechter es gibt und wie diese sind oder sein sollen, beeinflussen das ganze Leben und betrifft fast alle Lebensbereiche, z.B. die berufliche Karriere und Lebenswegplanung, das Selbstbild, Gefühle und konkrete Verhaltensweisen. Häufig wird eine „Naturgegebenheit“ angenommen oder pseudo-biologische Begründungen angeführt – Frauen seien eben besser darin, sich um Kinder zu kümmern, weil sie diese auch gebären; Männer seien eben aggressiver. Eng mit Stereotypen verbunden sind soziale Rollen und dementsprechende Anforderungen – etwa an Mütter, Väter oder an Mädchen, Jungen. Häufig erscheinen Männer bzw. hegemoniale Männlichkeiten als Norm, Frauen bzw. Weiblichkeiten als Abweichung von der Norm. So orientiert sich beispielsweise die Medizin bis heute vorwiegend an männlichen Körpern, werden Attribute wie Leistungsfähigkeit, Durchsetzungsvermögen und Technikaffinität (immer noch) eher Männern als Frauen zugeschrieben.
Geschlechterstereotype sind in unseren Köpfen archiviert und schlagen sich in unserem Bild von uns selbst (Selbstbild) ebenso nieder wie im Fremdbild, dem Bild der anderen von uns. Geschlechterstereotype werden immer wieder reproduziert. Wir vermuten zum Beispiel geschlechtliche Unterschiede, wo gar keine sind (z.B. beim Versuch, „männliche“ und „weibliche“ Gehirne zu unterscheiden), oder nehmen Gleichheit an, wo tatsächlich relevante Unterschiede bestehen. Stereotype schlagen sich in gender-bezogenen Wahrnehmungsverzerrungen (gender bias) nieder und sind als solche nicht nur in unseren Köpfen, sondern in den gesellschaftlichen Bedingungen materialisiert. So ist beispielsweise Sorgearbeit weiblich markiert und in den entsprechenden Berufen sind Frauen überrepräsentiert, die Tätigkeiten werden mit sozialen Rolle „Frau“ verbunden.
Geschlechterstereotype beziehen sich überwiegend binär auf Frauen und Männer, aber sie tauchen zunehmend auch bezogen auf trans und inter Menschen auf. Dabei sind Geschlechterstereotype nicht einheitlich, sondern differenzieren sich noch nach weiteren Eigenschaften oder Rollen, z.B. Hausfrau, Mutter, Geschäftsführerin, Rentnerin, Familienvater, Sportler etc. Das bedeutet, dass es aufbauend auf der Unterscheidung nach Geschlecht vielfältige Überschneidungen mit Tätigkeiten oder weiteren Stereotypen aufgrund von Klasse, race/Migration, Alter, Behinderung etc. gibt.
Die Geschichte zeigt, dass Geschlechterstereotype veränderbar sind. Die Frauenbewegungen des letzten Jahrhunderts haben bereits Hinterfragungen dieser Stereotype erreicht, was in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft Veränderungen bewirkt hat. So gibt es heute eine zunehmend breitere Varianz von Geschlechterrollen in Film und Funk sowie Printmedien. Es entstehen neue Dynamiken im Verständnis von Frau- und Mannsein und Elternschaften jenseits heterosexueller Kleinfamilien. Dafür sorgen kritische Geschlechterdiskurse, z.B. durch queere Personen und häufig junge Leute, die sich über Kleiderordnungen und geschlechterbezogene Zuschreibungen sowie die binäre Einteilung in Frauen und Männer hinwegsetzen.
Sind Rollenzuschreibungen und Stereotype aufgelöst bzw. auflösbar?
Stereotype können nach wie vor die Handlungsspielräume der Einzelnen einschränken – etwa im Zugang zu Ausbildungs- oder Arbeitsplätzen. Neben Differenzierungen und Modernisierungen belegen wissenschaftliche Studien eine hohe Beständigkeit medialer Geschlechterstereotype (vgl. Thiele 2023). Dabei kommt es durch Influencer*/innen zu einer Verstärkung existierender Stereotype und traditioneller Rollen mit der Hausfrau und Mutter in Form der „Tradwives“ („Tradition“ und „Wife“, dt.: Ehefrau). Des Weiteren zeigt sich eine Beständigkeit von binärgeschlechtlichen Traditionen in Betrieben und Organisationen, was Vorstellungen von Elternschaft – heterosexuell orientierte Eltern bestehend aus Mann und Frau als Norm – anbelangt. Gleichzeitig ist festzustellen, dass die Vielfalt von Familienkonstellationen zunehmend in der Wirtschaft ankommt.
Wie ist es also möglich, Geschlechterstereotype aufzubrechen und sich von diesen Zuschreibungen zu lösen? Ist es nicht ein Paradox, diese immer wieder zu thematisieren und laufen wir dann nicht erst recht Gefahr, diese wiederum erneut festzuschreiben? Trotz dieser Paradoxien ist es wichtig, ein Bewusstsein für diese Mechanismen zu schaffen. Denn auch die Nicht-Thematisierung reproduziert Geschlechterstereotype.
Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich um soziale Zuschreibungen handelt, und nicht um naturgegebene oder selbstverständliche Eigenschaften aller Personen, die in eine bestimmte Kategorie eingeteilt werden. Mit diesem Verständnis ist bereits ein Schritt getan, um Stereotypen und Rollen zu hinterfragen. Wichtige Ansatzmöglichkeiten sind mit Aus- und Fortbildungen gegeben, aber es muss bereits in der Kindererziehung begonnen werden. Auch liegt es in der Verantwortung von Politik und Arbeitgebenden, personalpolitische Praxen und Organisationsstrukturen und -prozesse zu verändern (vgl. Kaschuba 2023).
Literatur:
Connell, Robert W. 1999: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten.
Thiele, Martina 2023: Geschlechterstereotype und Geschlechterrollen. In: Dorer, J., Geiger, B., Hipfl, B., Ratković, V. (Hg.) Handbuch Medien und Geschlecht. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-20707-6_10
Kaschuba, Gerrit 2023: „Wir wollen keine Sonderrolle, wir wollen Anerkennung.“ Queeres Leben in der Arbeitswelt. Hrsg. vom Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg. Stuttgart (Online: www.tifs.de).
Zitationsvorschlag:
Kaschuba, Gerrit 2025: Kein Abschied von Geschlechterstereotypen? In: tifs-Einwürfe. Tübinger Institut für gender- und diversitätsbewusste Sozialforschung und Praxis e.V. Verfügbar unter: https://www.tifs.de/tifs-einwuerfe/kein-abschied-von-geschlechterstereotypen [Abgerufen am Datum].
Weitere tifs-Einwürfe
Freiheit in Abhängigkeit – Eine Utopie neuer solidarischer Beziehungenvon Anne Steckner
Checkliste: Wie gelingt Elternschaft geschlechtergerecht?von Ines Pohlkamp
Vielfältig, stigmatisiert und übersehen. Armut und Un-Vereinbarkeitvon Tanja Abou
„Leben in steilen Widersprüchen“ – Unvereinbarkeiten akzeptierenvon Narges Gholami*
Kindertagesbetreuung – eine bewegte Geschichtevon Renate Thiersch