Kindertagesbetreuung – eine bewegte Geschichte
von Renate Thiersch2025
Im Bestreben um mehr Gleichberechtigung wurden in den letzten 30 Jahren auch die Bedingungen für die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsarbeit für die Eltern junger Kinder in den alten Bundesländern durch den Ausbau der Kindertagesbetreuung wesentlich verbessert. Es besteht inzwischen ein Rechtsanspruch auf einen Kindergarten- bzw. Krippenplatz, längere Betreuungszeiten werden angeboten und die inhaltliche Arbeit hat sich weiterentwickelt. Gegenwärtig sind diese Entwicklungen durch den Personalmangel und durch schwierige strukturelle Bedingungen in den Kindertageseinrichtungen massiv bedroht (vgl. z.B. Bertelmann-Stiftung 2023). Hier soll die historische Entwicklung der Kindertagesbetreuung vor dem Hintergrund der Frage nach der Vereinbarkeit von Familien- und Berufsarbeit skizziert werden.
Als die Vereinbarkeit nicht gewollt war
Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war in Deutschland eine geschlechterhierarchische Arbeitsteilung dominant, bei der Kindererziehung in den Aufgabenbereich der Frauen fiel. Auch in den 1950er und 1960er Jahren war die Alleinverdiener- bzw. Hausfrauen-Familie in Westdeutschland – anders als in der DDR – politisch gewollt. Später gewann das Phasenmodell, in dem die Frauen während der Kinderphase in ihrer Berufsarbeit pausieren, an Einfluss. Für kleine Kinder galt die Betreuung in der Familie, d.h. faktisch durch die Mütter, als die geeignetste. Zur ergänzenden Anregung für die Kinder gab es das Betreuungsmodell des Kindergartens mit Vor- und Nachmittagsbetreuung (z.B. von 8 bis 11.30 Uhr und 13.30 bis 16 Uhr) und einer Mittagspause, in der die Kinder zum Mittagessen nach Hause gingen.
Berufstätige Mütter wurden nicht selten als Rabenmütter bezeichnet. In wohlhabenden Familien konnten sich berufstätige Frauen Kindermädchen oder sonstige Dienstboten leisten. Arbeiterinnen und vor allem alleinerziehende Frauen bemühten sich um einen der wenigen Plätze in einer Ganztageseinrichtung oder sie trafen Absprachen mit Verwandten (vor allem Großmüttern) oder Nachbarinnen, die die Kinder dann betreuten.
Für die Kinder von Hausfrauen und die Kinder von arbeitenden Müttern der Unterschicht gab es zwei Stränge der Kindertagesbetreuung, die sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen lassen (Thiersch 2018: 783f) – zum einen die Kindergärten mit einer familienergänzenden Vor- und Nachmittagsbetreuung und zum anderen die Ganztageseinrichtungen mit einem Betreuungsumfang von 8 bis 10 Stunden.
In die Ganztageseinrichtungen gingen hauptsächlich Kinder aus prekären Verhältnissen. Die Zweiteilung der Kinderbetreuungsangebote wirkte de facto als schichtspezifische Selektion. Ganztageseinrichtungen waren in der Regel schlechter ausgestattet als Kindergärten. In den Kindergärten arbeiteten Kindergärtnerinnen, die von ungelernten Helferinnen unterstützt wurden. In den Ganztageseinrichtungen, von denen es in Baden-Württemberg im Vergleich zu anderen Bundesländern wenige gab, arbeiteten neben den Helferinnen vor allem Kinderpflegerinnen. Überall arbeiteten ausschließlich Frauen, Männer waren bis 1972 in Kindertageseinrichtungen generell nicht tätig.
Engagement für eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie
In den 1970er Jahren forderten die Frauen der (zweiten) Frauenbewegung mit der Gleichberechtigung auch die Beteiligung an der Erwerbsarbeit ein. Sie forderten mehr Plätze in der Kindertagesbetreuung oder in der neuen Betreuungsform der Kindertagespflege. Diese Impulse bewirkten zusammen mit der Bildungsreform, dass die Betreuungseinrichtungen ausgebaut wurden. Allerdings dauerte es noch mehr als 20 Jahre, bis die Erwerbstätigkeit von Müttern und die institutionelle Kinderbetreuung gesellschaftlich akzeptiert waren. Dazu hat neben der Frauenbewegung auch die wirtschaftspolitisch motivierte Forderung nach vermehrter Frauenerwerbstätigkeit beigetragen, die von der Europäischen Union (EU) unterstützt wurde. Der Blick auf andere EU-Länder zeigte, dass es vielfach umfangreichere Kindertagesbetreuungssysteme gab. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die Aufrechterhaltung der Betreuungslage in der DDR zur Herausforderung, denn dort waren die Kindertageseinrichtungen gut ausgebaut, weil die Berufstätigkeit von Frauen offiziell als Recht anerkannt war.
1996 wurde der Anspruch auf einen Kindergartenplatz für Kinder ab dem vollendeten dritten Lebensjahr rechtlich verbindlich (§ 24 Abs. 3 SGB VIII). Überall in Baden-Württemberg wurden neue Kindergartenplätze geschaffen. Aus der Nachfrage nach längeren Betreuungszeiten entstanden neue, den individuellen Bedürfnissen angepasste Betreuungsmodelle, wie verlängerte Öffnungszeiten (bis 13.30 oder 14 Uhr mit oder ohne Mittagessen) und zunehmend auch Ganztagesplätze. Bedarfserhebungen in Bezug auf Kinderzahlen und Betreuungszeiten wurden Standardelemente der Kindergartenplanung. Seit Mitte der 1990er Jahre integrierten viele Einrichtungen in ihren Gruppen die unterschiedlichen Betreuungsmodelle, die Selektion nach Betreuungsbedarf entfiel. Die übergreifende Bezeichnung Kita ersetzte die Begriffe Kindergarten und Kindertagesstätte.
Die Aufgaben der Kindertagesbetreuung erweiterten sich: Die Betreuung für Kinder unter drei Jahren wurde als notwendig sowie für die Kinder als nicht schädlich anerkannt und seit 2013 in einem Rechtsanspruch (§ 24 Abs. 2 SGB VIII). festgelegt. Auch für Schulkinder wurde die Betreuung ausgebaut, die „Verlässliche Grundschule“ und die „Flexible Nachmittagsbetreuung“ wurden eingeführt.
Der Ausbau der Kitas und Schulen und die Einführung von längeren Betreuungszeiten galten in den 1990er Jahren als Maßnahmen der Frauenpolitik, denn es waren zuerst die Frauen, die die Vereinbarkeit von Erwerbs- und Familienarbeit einforderten. Aber inzwischen ist deutlich geworden, dass sich die Geschlechterrollen insgesamt verändert haben und dass die Vereinbarkeitsthematik ebenso die Männer bzw. die weiteren Elternteile/ Sorgeberechtigten angeht, die Verantwortung für die Erziehung übernehmen und sich an der Betreuung der Kinder beteiligen. Vereinbarkeit ist ein wichtiges Thema für alle, die Kinder betreuen und versorgen – für Frauen, Männer, queere Personen. Wie Eltern die Anteile von Berufs- und Familienarbeit jeweils gewichten, wird individuell vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Rahmenbedingungen bestimmt und ausgehandelt; abhängig von den Lebensentwürfen der Beteiligten, den wirtschaftlichen Bedingungen und natürlich auch von der Einschätzung der Bedürfnisse der Kinder.
Leistungen der Kindertagesbetreuung und gegenwärtige Herausforderungen
Aufgabe der Politik, der Träger von Kitas und der Fachkräfte der Frühpädagogik ist es, durch ein ausreichendes, angemessenes und verlässliches Betreuungsangebot die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsarbeit zu ermöglichen und gleichzeitig Bedingungen für eine gute Bildung und Erziehung der Kinder in der Kita und in den Familien zu schaffen. Kindertagesbetreuung ist ein wichtiges Element dafür, dass die Eltern junger Kinder die Chance haben, ihre individuellen Lebensentwürfe in der Verbindung eines guten Familienlebens, einer guten Entwicklung ihrer Kinder und einer befriedigenden Erwerbsarbeit zu verwirklichen.
Dadurch, dass Kindertagesbetreuung Eltern ermöglicht, ihrer Erwerbstätigkeit in allen Bereichen der Wirtschaft, Verwaltung usw. nachzugehen, leistet sie einen wesentlichen Beitrag für die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft und das Funktionieren der Gesellschaft. Kindertagesbetreuung ist quasi ein genereller Stabilisator der Erwerbsbeteiligung.
Wichtig ist, die Betreuungsangebote auf die Lebenssituation und die Entwürfe der Erwachsenen abzustimmen. Die Aufgaben der Eltern junger Kinder – ihren Alltag zu gestalten, sie zu erziehen und für ihr Wohl zu sorgen – sind anspruchsvoll und es ist wichtig, das anzuerkennen. Viele Eltern brauchen in dieser Zeit neben einer ausreichenden Betreuung auch eine angemessene temporäre Reduzierung der Arbeitszeit.
Entscheidend ist, dass für die Kinder eine gute Betreuung, Bildung und Erziehung geboten wird, denn gerade die jungen Kinder befinden sich in einer sehr sensiblen Entwicklungsphase. Die Kinder verbringen in der Tagesbetreuung inzwischen sehr viel Zeit; viele Kinder gehen vier oder fünf Jahre in die Kita und sind dort vom Morgen bis zum späten Nachmittag. Daraus ergibt sich, dass die Qualität der pädagogischen Arbeit in den Einrichtungen den kindlichen Bedürfnissen entsprechen muss. Auch die Diversität der Familien und ihrer Lebenslagen und die wachsenden Anforderungen an die Kompetenzen von Heranwachsenden, für die in der Kita die Basis gelegt werden soll, stellen Herausforderungen für die Qualität der frühpädagogischen Arbeit dar. Um solche Qualität zu gewährleisten, braucht es ausreichendes und qualifiziertes Personal, durchdachte Konzeptionen, ausreichende und gut ausgestattete Räume, eine angemessene Gestaltung des Kita-Alltags, eine intensive Zusammenarbeit mit den Eltern und nicht zuletzt eine ausreichende Vor- und Nachbereitungszeit. Die Themen der Kita-Arbeit haben sich auf Grund des Bildungsauftrags erweitert: Sprache, aber auch Naturwissenschaften werden einbezogen und eine neue Kooperation mit den Schulen wird realisiert. Die Ausbildung für die in Kitas Tätigen wurde nach und nach professionalisiert, zunächst durch die Fachschulausbildung und dann durch die Einführung von Hochschulstudiengängen für Frühpädagogik/ Kindheitspädagogik. Zudem haben die Forschungen im Bereich der Kindertagesbetreuung stark zugenommen, so dass inzwischen zu vielen Themen empirisch gesicherte Daten vorliegen.
Vielerorts hat sich auch in Baden-Württemberg eine Kindertagesbetreuung mit relativ langer Betreuungszeit und mittlerer bis guter Betreuungsqualität etabliert. Diese positiven Entwicklungen erscheinen gegenwärtig vor allem durch den Personalmangel gefährdet: Die Einrichtungen sind zu Notbetreuungen unter ungenügenden Bedingungen oder zur kurzfristigen oder gar langfristigen Verkürzung der Betreuungszeiten gezwungen. Gleichzeitig werden gering qualifizierte Ersatzkräfte eingesetzt, worunter die Qualität der pädagogischen Arbeit leidet. Durch den Verlust der Verlässlichkeit der Betreuung werden die Vereinbarkeits-Arrangements vieler Eltern aus den Angeln gehoben. Das Vertrauen in die Kitas geht verloren und die für breite Teile der Gesellschaft konstitutive Erwartung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird mehr und mehr außer Kraft gesetzt.
Es steht zu hoffen, dass diese Entwicklung durch die Bündelung aller Kräfte aufgefangen werden kann. Dazu müssen sich nicht nur genügend motivierte und qualifizierte Mitarbeitende finden, sondern es muss sich auch die Einsicht durchsetzen, dass Kindertagesbetreuung ein bedeutsames Fundament für die gesamte gesellschaftliche Entwicklung ist, für dessen Stabilität mehr finanzielle und organisationale Ressourcen als bisher nötig sind.
1 Der Beruf der Kindergärtnerin war einer der wenigen ursprünglich ausschließlich von Frauen ausgeübten Ausbildungsberufe. Voraussetzung war die Mittlere Reife, d.h. vor der Bildungsreform 1970 ein für Frauen hohes Bildungsniveau. Daneben arbeiteten viele Diakonissen und Ordensschwestern in den Kindergärten. 2 Deren Ausbildung setzte den Hauptschulabschluss voraus, die Ausbildung bezog sich mehr auf pflegerische Tätigkeiten.
Literatur:
Bertelsmann-Stiftung (2023): Fachkräfte-Radar für Kita und Grundschule 2023. https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/fachkraefte-radar-fuer-kita-und-grundschule-2023
Thiersch, Renate (2018): Kindertagesbetreuung – Frühpädagogik. In: Otto, H.-U./Thiersch. H. (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit. 6. Auflage. München: Reinhardt, S. 780 - 794.
Zitationsvorschlag:
Thiersch, Renate 2025: Kindertagesbetreuung – eine bewegte Geschichte. In: tifs-Einwürfe. Tübinger Institut für gender- und diversitätsbewusste Sozialforschung und Praxis e.V. Verfügbar unter: https://www.tifs.de/tifs-einwuerfe/kindertagesbetreuung-bewegte-geschichte [Abgerufen am Datum].
Weitere tifs-Einwürfe
Vielfältig, stigmatisiert und übersehen. Armut und Un-Vereinbarkeitvon Tanja Abou
Migrantinnen in der häuslichen Betreuung und Pflege: Beschäftigungsbedingungen, Unterstützungsstrukturen und Organisierungsprozessevon Christiane Bomert
„Leben in steilen Widersprüchen“ – Unvereinbarkeiten akzeptierenvon Narges Gholami*
Checkliste: Wie gelingt Elternschaft geschlechtergerecht?von Ines Pohlkamp
Tradwives, Livecoaches, Fitnessinfluencerinnen und Gymbros – Rollenstereotype in den sozialen Medienvon Jessica Wagner