„Leben in steilen Widersprüchen“ – Unvereinbarkeiten akzeptieren
von Narges Gholami*2025
Narges Gholami (*Name geändert) ist in den 1970er Jahren im Iran geboren und in Berlin aufgewachsen. Nach dem Studium erkrankte sie im Alter von 25 Jahren schwer. Als ausgebildete Social Justice und Diversity Trainerin arbeitete sie viele Jahre mit jungen Erwachsenen zum Thema Antidiskriminierung. Seit circa drei Jahren ist sie wegen fortschreitender Erkrankung nicht arbeitsfähig. Im Gespräch mit Ines Pohlkamp reflektiert Narges Gholami das Thema Vereinbarkeit aus einer sehr persönlichen Perspektive. In diesem Beitrag werden ausgewählte Passagen aus dem Gespräch dargestellt.
Unvereinbarkeit akzeptieren
Ich bin seit einigen Jahren so sehr krank, dass ich am Arbeitsleben nicht mehr teilhaben kann. Die Krankheit, ME/CFS, Myalgische Enzephalomyelitis führt dazu, dass ich nur sehr wenig Lebenskraft habe. Das heißt, ich bin ständig mit der Frage beschäftigt: ‚Wie kann ich mit so wenig Lebenskraft überhaupt teilhaben am Leben – oder an Dingen, die meinem Leben Sinn geben?‘
Vermeintlich normale Alltagsaktivitäten muss ich kleinteilig planen. Ich muss mich täglich entscheiden, ob ich mir ein leckeres Essen zubereite oder die Kraft lieber für einen Einkauf verwende. Auch dann muss ich einen Teil des Eingekauften im Kofferraum lassen und überlegen, was ich realistischerweise und in kleinen Etappen die Treppen in den zweiten Stock hochzuschleppen schaffe. Schlimm sind die Tage, an denen ich staubsaugen muss, dann liege ich den Rest des Tages total erschöpft im Bett. Oft habe ich keine Kraft für Telefonate mit Freund*innen, weil ich z.B. schon einkaufen war.
Die Lösung für mich ist, mich von der Idee der Vereinbarkeit loszusagen. Ich habe also aufgehört zu versuchen, mit der wenigen Energie möglichst viele Dinge unter einen Hut zu kriegen. Im Gegenteil, ich muss mich täglich neu für eine und gegen viele Sachen entscheiden. Umso mehr freue ich mich, wenn die eine Sache pro Tag dann überhaupt klappt.
Ich denke dabei oft, dass das für alle Menschen hilfreich sein könnte. Zu akzeptieren, dass nicht alles im Leben vereinbar ist, es vielleicht sogar schädlich sein kann, sich das ständig abzuverlangen. Das denke ich vor allem, wenn ich mir das Ideal von „work-life-balance“ oder die an Frauen* adressierte Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor Augen führe.
Meine Einladung wäre deshalb, sich zu fragen, ob es nicht sinnvoll wäre, das Gegenteil von Vereinbarkeit wahrzunehmen: Hier ist eine Grenze. Ich bin kein Übermensch und ich kann nicht alles liefern und leisten und in allem erfolgreich und toll zugleich sein. Zu sagen, die gesellschaftlichen Erwartungen und Normvorstellungen eines guten und erfolgreichen Lebens passen für mich nicht. Ich entscheide mich. Ich entscheide mich bewusst dafür, wo meine Energie jetzt hingeht. Die Entscheidungsfreiheit und das Loslassen der Ansprüche und Erwartungen kann sehr entlastend sein. Und damit spreche ich jetzt aus der Sicht eines Menschen, der unheimlich wenig Energie hat.
Vereinbarkeit als Privileg
Jetzt könnte ich ja sagen: Zum Glück lebe ich in einem Sozialstaat. Da wird sich gekümmert, auch um die Menschen, die krank sind, die nicht so viel leisten können. Meine Erfahrung ist, dass das alles nicht so richtig hinhaut. Also wie kann ich als Mensch mit bestimmten Werten mein Leben gestalten, ohne im Gegenzug durch Leistung im Arbeitsleben mein Überleben sichern zu können? Eine Angewiesenheit auf Sozialstaatsleistungen und ein dauerhaftes Leben auf Existenzminimumniveau beinhaltet quasi null Gestaltungsmöglichkeiten, die aber für ein würdevolles Leben wichtig wären. Ich sehe auch kein überzeugendes Bestreben, dass die Politik dieser ethischen Dimension von Lebensqualität Rechnung trägt. Arm und krank sein scheinen auch in diesem Land unvereinbar mit guter Lebensqualität und Würde.
Interessant finde ich auch die Frage: Wer kann sich Vereinbarkeit leisten? Und für wen ist das eine freiwillige Entscheidung? Also wenn ich als berufstätiges Elternteil viel arbeite und aber dafür eine Person einstellen kann, die sich um meine Kinder kümmert, dann ist ja auch ein bisschen naheliegend, wer diesen Job übernimmt. Benachteiligte oder marginalisierte Personen haben de facto oft gar kein Vereinbarkeitsproblem, insofern, als dass sie gar keine Wahl haben.
Gerade im sozialen Bereich wird das ja deutlich. Also die Versorgung von Kindern, von Kranken oder auch das klassische Beispiel einer 24-Stunden-Pflegekraft, die über eine Zeitarbeitsfirma aus Osteuropa eingekauft wird. Du kannst ja mal diese Pflegekraft fragen, was sie zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf sagt und welche Entscheidungsfreiheiten ihr Leben würdevoller machen würde. Das sind diese vielen Dinge, die einfach schräg sind. Und da hilft es auch nichts, wegzugucken oder es zu ignorieren, sondern wir müssen das alle endlich mal aushalten und dazu Stellung beziehen und neue Lösungen entwickeln, weil sonst geht das immer so weiter, immer so weiter.
Selbstfürsorge vs. Fürsorge für andere
Ein weiterer Aspekt, der mich beschäftigt, ist das Thema Sorge, Fürsorge für ältere Menschen. Warum ist es eigentlich seit Jahrzehnten noch so, wie es eben ist, dass die Versorgung von alten Menschen oder die Qualität der Versorgung von alten Menschen in weiten Teilen immer noch eine Frage des Geldes ist? Und wie kann ich es vereinbaren, wenn ich aus persönlichen Gründen zum Beispiel, weil ich selber total krank bin, die Sorge für meine Eltern nicht leisten kann? Auch im Kontext der Pflege habe ich erlebt, dass es überwiegend Frauen* sind, die sich um die Eltern kümmern und auch nicht nur um die eigenen Eltern, sondern auch um die Schwiegereltern. Und wann bitte gibt es endlich mal Anerkennung oder auch bessere Lösungen dafür, damit das vereinbar ist: Ein gutes Leben für mich selbst und ein gutes Leben für meine Eltern. Ich finde, das ist im Moment nicht gut vereinbar. Überhaupt nicht. Da fehlen total die Ressourcen.
Vereinbarkeit als Trugschluss
Ich frage mich, warum Vereinbarkeit in verschiedensten Kontexten immer als so ein erstrebenswertes Ziel dargestellt und gelungene Vereinbarkeit als Ausdruck von Erfolg gefeiert wird. Wird dabei nicht viel Wichtiges ausgeblendet, das auf der Strecke bleibt?
Wenn man es mal kleiner macht, könnte man es sich ja so anschauen: Die Idee ist, dass ein Mensch im gesunden Zustand acht Stunden am Tag arbeitet. Dann soll er am besten noch eine nette Nachbarin sein oder ein guter Vater, er soll bestenfalls Fürsorge für die alten Eltern tragen, sich aber auch stets engagieren für die Dinge, die im Leben wichtig sind. Der Mensch soll Selbstfürsorge und Optimierung betreiben und sich Auszeiten nehmen, weil wir haben es ja alle selbst in der Hand, gesund zu bleiben. Und bitte lebenslanges Lernen praktizieren, sich weiterbilden. Ich finde diese Idee, dass ein Mensch alles in einem Leben unterbringen soll und kann, ist ein Trugschluss. Überforderung und Unglücklichsein, wo Du nur hinschaust. Und das in diesem so reichen Land! Wenn Menschen nicht eingeladen werden, innezuhalten, zu reflektieren, sich auf ihre Werte zu besinnen, sich fundiert zu informieren und Raum und Zeit für Meinungsbildung zu haben, dann wird sich die Zukunft nicht gut entwickeln.
Leben in steilen Widersprüchen
Also wenn ich von mir spreche, dann habe ich viele Vereinbarkeitsprobleme, z.B. von persönlichen Wünschen einerseits und meiner Lebenskraft andererseits. Oder wenn ich mich widersprüchlich verhalte, weil mein Wissen und Gewissen nicht im Einklang sind. Ich bin aufgefordert, einen eigenen Umgang damit zu finden. Dieses Leben in steilen Widersprüchen macht nicht unbedingt glücklich.
Ich glaube, dass es uns allen in sehr vielen Bereichen ein unheimliches Aushalten von Widersprüchen abverlangt. Ja, es gibt Dinge, die sind nicht vereinbar miteinander.
Zitationsvorschlag:
Gholami, Narges 2025: „Leben in steilen Widersprüchen“ – Unvereinbarkeiten akzeptieren. In: tifs-Einwürfe. Tübinger Institut für gender- und diversitätsbewusste Sozialforschung und Praxis e.V. Verfügbar unter: https://www.tifs.de/tifs-einwuerfe/leben-in-steilen-widerspruechen-unvereinbarkeiten-akzeptieren [Abgerufen am Datum].
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