Migrantinnen in der häuslichen Betreuung und Pflege: Beschäftigungsbedingungen, Unterstützungsstrukturen und Organisierungsprozesse
von Christiane Bomert2025
Die Pflege älterer Menschen wird in Deutschland immer mehr durch Beschäftigte aus dem Ausland übernommen. In der stationären und ambulanten Altenpflege ist ihr Anteil in den letzten zehn Jahren um 273% auf knapp 120.000 Beschäftigte gestiegen (Carstensen et al. 2024). Für die häusliche Pflege liegen zwar keine gesicherten Zahlen vor, Schätzungen gehen jedoch sogar von 300.000 bis 600.000 beschäftigten Migrantinnen, insbesondere Frauen aus Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn, aus. Entgegen der Situation der migrantischen Pflegefachkräfte in der stationären wie ambulanten Altenpflege, ist die Situation für die Beschäftigten in der häuslichen Betreuung und Pflege häufig von großer Unsicherheit, Entgrenzung und fehlender rechtlicher Regulierung geprägt. Viele Angehörige berufen und verlassen sich auf die von den Vermittlungsagenturen versprochene Rund-um-die-Uhr-Versorgung im Eigenheim. Übersehen und in Kauf genommen wird, dass dieser Anspruch nicht mit dem deutschen Arbeitszeitgesetz und den Bestimmungen zum gesetzlichen Mindestlohn vereinbar ist. Zudem handelt es sich um ein sehr intimes und stark perronalisiertes Arbeitsverhältnis, welches Aushandlungen zu Arbeits- und Freiräumen sehr schwierig macht. Viele Beschäftigte tun sich daher zusammen, um sich zu stärken und gegenseitig zu unterstützen. Zusätzlich bieten Beratungsstellen, Gewerkschaften und ehrenamtlich organisierte Projekte Unterstützung für die Migrantinnen. Der Bedarf an Unterstützung übersteigt jedoch das bestehende Angebot, und eine breite politische Mobilisierung für die Rechte der Migrantinnen bleibt noch immer aus (Bomert 2021).
Wie sehen die Arbeitsbedingungen konkret aus? Wie verhandeln die Migrantinnen ihre Arbeits- und Lebensverhältnisse? Und wer bietet welche Unterstützung?
„Ein Leben im Rhythmus von anderen“ – Arbeitsplatz Privathaushalt, eine Arbeit wie jede andere?
Um ein häusliches Pflegearrangement mit Migrantinnen zu organisieren, braucht es oft nur wenige Mausklicks der Angehörigen. Mit Slogans wie „Ein ‚Engel‘ für daheim“ („Engeldaheim“ aus Stuttgart) werben profitorientierte Vermittlungsagenturen in Deutschland für die Einstellung insbesondere osteuropäischer Betreuungskräfte – und das mit großem Erfolg: Heute gibt es 8-mal so viele deutsche und polnische Agenturen wie noch vor 15 Jahren (Timm 2019: 138). Im Rahmen des sog. Entsendemodells kooperieren diese Agenturen mit Dienstleistungsfirmen aus dem Ausland, die die Betreuungskräfte rekrutieren, anstellen und nach Deutschland entsenden. Hierbei erzielen sie „unverhältnismäßig hohe Einnahmen für reine Vermittlungstätigkeiten, ohne Verantwortung für die Qualität der vermittelten Pflege oder Haftung für die vermittelten Arbeitsbedingungen zu tragen“ (ebd.: 139).
Der konkrete Arbeitsalltag ist vollumfänglich an den Bedürfnissen der zu pflegenden und zu betreuenden Personen orientiert: „Es ist nicht die Arbeit selber, die schlimm ist, sondern dass wir isoliert in einem Privathaushalt sind – ohne soziale Kontakte, ohne Privatleben, Tag und Nacht verantwortlich für einen kranken Menschen. Ein Leben im Rhythmus von anderen: vom Essen über das Fernsehprogramm bis hin zu den Nächten ohne Schlaf.“ (Bozena Domanska, zitiert in Schilliger 2017: 32)
Dieses Zitat einer polnischen Beschäftigten zeigt eindrücklich die verschiedenen Besonderheiten der häuslichen Betreuung und Pflege: Die Arbeit ist in weiten Teilen unsichtbar, da sie im Privathaushalt der Älteren stattfindet. Die täglichen Aufgaben im Haushalt sind zudem entgrenzt, meist wenig planbar und isoliert. Nicht zuletzt wird der Aufbau von Beziehungen zu Personen außerhalb des Haushaltes erschwert, da die Migrantinnen nur wochenweise vor Ort sind und nach ihrer Rückkehr nach Deutschland ggf. in andere Beschäftigungsverhältnisse wechseln (Bomert/Schilliger 2021: 235f.).
Hinzu kommt eine zumeist stark personalisierte und intime Arbeitsbeziehung. Diese zeigt sich eindrücklich darin, dass die Beschäftigten die zu betreuenden Personen oft als „Oma“ oder „Opa“ bezeichnen und sie ihnen gegenüber starke Gefühle moralischer Verpflichtung und Verantwortung verspüren. Lehnen die Beschäftigten Aufgaben ab oder fordern ihre Rechte in Bezug auf Mindestlohn, Arbeitszeit, Kündigungsschutz und Urlaubsgeld konsequent ein, riskieren sie, die ‚guten Beziehungen’ zur Familie zu verspielen und ausgewechselt zu werden (vgl. ebd.). Oft fehlt es jedoch an Wissen um die entsprechenden Regelungen in Deutschland, über die Rahmenbedingungen des eigenen Vertrags oder zu möglichen Beratungsstellen.
„Wir sind 60.000 und unverzichtbar!“ – Migrantinnen in der häuslichen Pflege zwischen Ausbeutung, Aushandlung und Organisierung
Migrantinnen in der häuslichen Betreuung und Pflege nutzen verschiedene Strategien, um die Pflege- und Arbeitsbeziehung auszugestalten. Damit können sie – je nach sprachlichen, ökonomischen und persönlichen Ressourcen – den ungleichen Machtverhältnissen im Arbeitsbündnis individuell etwas entgegensetzen. Auf kollektiver Ebene gibt es darüber hinaus in Deutschland eine weitgehende Leerstelle: Zwar schließen sich die Beschäftigten in kleineren und größeren Netzwerken zur gegenseitigen Unterstützung zusammen, anders jedoch als etwa in der Schweiz oder Österreich werden die arbeitsrechtlichen Forderungen der Beschäftigten in Deutschland bislang nicht öffentlich diskutiert oder politisiert.
Um sich vorhandenen Arbeitsbedingungen zu widersetzen, können die Migrantinnen ein Beschäftigungsverhältnis verweigern oder kündigen. Aufgrund des hohen und durch den demografischen Wandel immer weiter ansteigenden Bedarf an Betreuungskräften können sie – mit gewissen Vorerfahrungen und entsprechenden Beziehungen – verhältnismäßig einfach in ein anderes Beschäftigungsverhältnis wechseln. Insbesondere um der Abhängigkeit von den Vermittlungsagenturen zu entgehen, schließen sich verschiedene (häufig verwandtschaftlich verbundene) Migrantinnen in selbstorganisierten Rotationssystemen zusammen. In diesen Netzwerken teilen sich mehrere Frauen eine Pflegestelle und verhandeln die Dauer der Einsätze, Urlaubszeiten sowie eigene Standards für ihre Arbeit untereinander selbst.
Insgesamt haben soziale Beziehungen vor Ort sowie im Internet eine besondere Bedeutung im herausfordernden Arbeitsalltag: sie werden genutzt, um sich über alltagspraktische Erfahrungen und Erlebnisse in der Zusammenarbeit mit einzelnen Agenturen oder rechtliche Fragen auszutauschen. Dafür treffen sich die Migrantinnen in Kirchen, an öffentlichen Plätzen oder kommunizieren in Facebook-Gruppen mit teilweise mehreren Zehntausend Beschäftigten, die sie vor dem Zutritt und Einfluss von Vermittlungsagenturen oder anderen Institutionen schützen.
Eine größere öffentlichere Sichtbarkeit haben jene Netzwerke, die sich Gewerkschaften angeschlossen haben oder politisch aktiv sind, wie etwa das Netzwerk Respekt@vpod in der Schweiz. In Österreich haben sich slowakische und rumänische Beschäftigte zusammengeschlossen und kürzlich gemeinsam einen Dachverband für die Interessenvertretung aller migrantischen Betreuer*innen gegründet, die „Interessengemeinschaft der 24-Stunden-Betreuer_innen“. Neben einem Peer-Beratungsangebot (in Zusammenarbeit mit Jurist*innen) ermöglicht eine Online-Ratgeberin, zentrale Informationen vor und während eines Arbeitsverhältnisses einzuholen.
Wie aber sieht die das Beratungs- und Unterstützungsangebot in Deutschland und in Baden-Württemberg im Besonderen aus?
Exemplarische Unterstützungsbedarfe und Hilfestrukturen für Migrantinnen in der häuslichen Betreuung: Ein Blick nach Baden-Württemberg
Das vorhandene Unterstützungsangebot für Migrantinnen in der häuslichen Pflege und Betreuung lässt sich in drei Bereiche gliedern : Zunächst gibt es spezialisierte Angebote in freier und kirchlicher Trägerschaft, dazu gehören Beratungsstellen, Vernetzungs- und Vermittlungsangebote. In Baden-Württemberg berät die Mitternachtsmission der Diakonie (Heilbronn) als Fachberatungsstelle bei Menschenhandel unabhängig von „Herkunft, Religion, Aussagebereitschaft und ihrem Aufenthaltsstatus“ Betroffene von extremer Ausbeutung in Arbeitsverhältnissen. Als eine weitere Fachberatungsstelle bei Menschenhandel in Baden-Württemberg bietet das Fraueninformationszentrum (FiZ) in Stuttgart spezialisierte Beratung zu den Themen Arbeitsrechte, Arbeitsmigration und Arbeitsausbeutung für EU-Bürger*innen . Innerhalb des FiZ gibt es darüber hinaus das Beratungsangebot IBERA (Information und Beratung zu Rechten für Arbeitskräfte aus der EU), welches im Gegensatz zum sonstigen Angebot der Beratungsstelle auch Männer im Kontext von Arbeitsausbeutung anspricht. Bundesweit gibt es keine weitere psychosoziale Beratungsstelle, die die migrantische Beschäftigung in der häuslichen Pflege und Betreuung so dezidiert adressiert. Teil des dortigen Angebots ist ebenfalls die Vermittlungsstelle FairCare , die (vergleichbar mit dem Projekt CariFair der Caritas) Betreuungskräfte in die häusliche Betreuung vermittelt.
In der Bahnhofsmission Karlsruhe ist das Vernetzungs- und Beratungsangebot Cosmobile Haushaltshilfen (CoHa) ansässig. Die Bahnhofsmission Karlsruhe versteht sich selbst als niedrigschwellige Anlaufstelle, die Ratsuchende an entsprechende Fachberatungsstellen weiterleitet, und bietet darüber hinaus einen regelmäßigen Frauentreff für Migrantinnen an.
Eine weitere Unterstützungsstruktur bilden die gewerkschaftlichen und gewerkschaftsnahen Beratungsangebote für mobile Beschäftigte aus Osteuropa. Mit Sitz in Mannheim, Stuttgart und Freiburg (i. Br.). gehört in Baden-Württemberg dazu etwa das DGB-Projekt Faire Mobilität, welches zu arbeits- und sozialrechtlichen Fragen berät.
Eine Befragung von Fachkräften aus der Beratungsarbeit verweist auf eine hohe Spannbreite an Anliegen und Unterstützungsbedarfen, mit denen sich die Beschäftigten an diese Unterstützungsangebote wenden. Dazu gehören arbeits- und sozialrechtliche Beratungsanliegen (etwa zu Arbeitszeiten oder -verträge) und psychosoziale Beratungsinhalte (wie Konflikte oder psychische Erkrankungen) ebenso wie Fragen der allgemeinen sozialen Beratung (Bomert 2021: 204).
Diese exemplarische Zusammenschau der Angebotsinfrastruktur in Deutschland zeigt, dass die institutionellen Angebote vor allem in Großstädten aufzufinden sind, wenngleich in den meisten Fällen Online-Beratungen möglich ist. Zugleich ist diese Unterstützungsstruktur in weiten Teilen nationalstaatlich organisiert, d.h. es gibt kaum internationale Zusammenarbeit (ebd.: 205). Anders als beispielsweise im deutschsprachigen Ausland ist es der hiesigen institutionellen Struktur bislang nicht gelungen, die Migrantinnen in ihrer Organisierung zu unterstützen. Die ehrenamtlich oder kirchlich organisierten Angebote bieten hier eine gute Ergänzung zum bestehenden Angebot: sie bringen die Frauen aktiv zusammen und sind zugleich in kleineren Städten ansässig.
Zur Relevanz institutioneller Unterstützung
Die Beschäftigung von Migrantinnen in der häuslichen Pflege bildet eine tragende Säule der Altenpflege in Deutschland. Der Blick auf die konkreten Arbeitsverhältnisse zeigt in weiten Teilen jedoch gravierende arbeitsrechtliche Verstöße. Zugleich bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung die Stimme der Beschäftigten oft ungehört. Dies wird mit Blick auf die mediale Berichterstattung sehr deutlich: Waren vor einigen Jahren noch Berichte von den Beschäftigten selbst sowie von Personen aus der Unterstützungsarbeit Teil der Berichterstattung, haben sich etwa im Rahmen der Pandemie die Vermittlungsagenturen zum zentralen Sprachrohr der Branche entwickelt (Bomert 2023).
Was es braucht: Die Beschäftigten müssen in ihrer Organisierung und der Politisierung ihrer Anliegen unterstützt werden. Der Blick über die Ländergrenzen hinweg kann Strategien zeigen, wie dies gelingen kann. Und: die Unterstützungsangebote müssen wieder Teil der öffentlichen Debatte werden – nicht zuletzt, weil diese den profitorientierten Agenturen etwas entgegensetzen und den Beschäftigten selbst den Weg in die öffentliche Berichterstattung ebnen und damit Gehör verschaffen können.
Deutschland als Migrationsgesellschaft sollte genau hinsehen und endlich anfangen, die Anliegen dieser vielen tausend Beschäftigten ernst zu nehmen!
Literatur:
Bomert, Christiane (2020): Transnationale Care-Arbeiterinnen in der 24-Stunden-Betreuung. Zwischen öffentlicher (Un-)Sichtbarkeit und institutioneller (De-)Adressierung. Wiesbaden: Springer VS.
Bomert, Christiane/Schilliger, Sarah (2021): Infrastruktur der Solidarität im Kontext transnationaler Care-Arbeit. In Bomert, Christiane/ Landhäuser, Sandra/ Lohner, Eva Maria/Stauber, Barbara (Hg.): Care! Zum Verhältnis von Sorge und Sozialer Arbeit, Wiesbaden: Springer VS, 233-250.
Bomert, Christiane (2021): Transnationale Care-Arbeiterinnen in der 24-Stunden-Betreuung. Zwischen öffentlicher (Un-)Sichtbarkeit und institutioneller (De-)Adressierung. Wiesbaden: Springer VS.
Bomert, Christiane (2023): 'Relevanter als die Spargelernte' – Die diskursive Bewertung von Care im Kontext der Corona-Pandemie am Beispiel transnationaler 24-Stunden-Betreuung. In Bloemen, Henrike/ Bomert, Christiane/ Dziuba-Kaiser, Stephanie/Gebhardt, Mareike (Hrsg.): Machtverhältnisse. Kritische Perspektiven auf Geschlecht und Gesellschaft, Frankfurt a.M.: Campus, 119-137. Carstensen, Jeanette/Seibert, Holger/Wiethölter. Doris (2024): Internationalisierung der Pflege – Pflegekräfte mit ausländischer Staatsangehörigkeit und ihr Beitrag zur Fachkräftesicherung. (IAB-Forschungsbericht 22/2024), https://doku.iab.de/forschungsbericht/2024/fb2224.pdf.
Schilliger, Sarah (2017): "Wir sind doch keine Sklavinnen!". (Selbst-)Organisierung von polnischen Care-Arbeiterinnen in der Schweiz. In: Fried, Barbara/ Schurian, Hannah (Hrsg.) Um-Care. Gesundheit und Pflege neu organisieren, 32-40. Timm, Sylwia (2019): Die Macht der Agenturen ist die Geduld der Frauen. Zur Konzessionsbereitschaft osteuropäischer Pflegekräfte als Grundlage der 24-Stunden-Betreuung-und-Pflege in Deutschland. In: Ludwig, Carmen/ Simon, Hendrik/ Wagner, Alexander (Hg.): Entgrenzte Arbeit, (un-)begrenzte Solidarität? Bedingungen und Strategien gewerkschaftlichen Handelns im flexiblen Kapitalismus, Münster: Westfälisches Dampfboot Verlag, 137-145.
Zitationsvorschlag:
Bomert, Christiane 2025: Migrantinnen in der häuslichen Betreuung und Pflege: Beschäftigungsbedingungen, Unterstützungsstrukturen und Organisierungsprozesse. In: tifs-Einwürfe. Tübinger Institut für gender- und diversitätsbewusste Sozialforschung und Praxis e.V. Verfügbar unter: https://www.tifs.de/tifs-einwuerfe/migrantinnen-in-der-haeuslichen-betreuung-und-pflege [Abgerufen am Datum].
Weitere tifs-Einwürfe
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