Women Power United - Mit weiblicher Solidarität Gesellschaft verändern
von Maria Bitzan2026
„Weibliche Solidarität“ in beengenden Zeiten verlangt, aktuelle Konflikte innerhalb unterschiedlicher Feminismen zugunsten strategischer Interventionen zu überwinden (nicht zu glätten) und im Sinne des Mailänderinnen- Ansatzes Freiheit zu erkämpfen. Solidarität verlangt auch: Verständigung eingedenk unterschiedlicher Positioniertheiten in Machtverhältnissen.
I. Warum stellt sich die Frage nach Solidarität heute wieder?
In welcher Situation stehen wir? (konkret in der Deutschland, ohne auf die große Weltlage einzugehen…)
Zwei Aspekte möchte ich hervorheben, die feministische Bewegungen betreffen:
1. Befund: Antifeminismus und Rechtsextremismus bedrohen die Demokratie Antifeminismus ist eine Ideologie und politische Strategie. Er richtet sich pauschal, aktiv und meist organisiert gegen feministische Anliegen und Positionen.
Das Motiv – so schreiben es (Lang/Fritzsche 2018, S. 340) in den feministischen Studien – besteht in der Gegnerschaft zur „gesellschaftspolitischen Liberalisierung und Entnormierung von Geschlechterverhältnissen“ mit dem Ziel der „Aufrechterhaltung hetero-normativer Herrschaftsverhältnisse“.
Diese Strömungen nehmen zu und können sich zunehmend gesellschaftlichen Zuspruchs erfreuen. „Ein Viertel der im Rahmen der Leipziger Autoritarismus-Studie1 Befragten hatte in den Erhebungen von 2022 und 2024 ein geschlossen antifeministisches Weltbild“ (GWI 2025, S.2).
Antifeminismus ist auch in der Jugendarbeit angekommen. Eine aktuelle Studie der Camino-Werkstatt in Berlin2 untersuchte, wie antifeministische Strömungen und Aktivitäten in der Jugendarbeit angekommen sind. Ergebnisse: Angriffe richten sich beispielsweise gegen feministische Angebote oder gegen solche für queere Personen. Auch unter Jugendlichen sind sexistische oder queerfeindliche Einstellungen verbreitet, die Anknüpfungspunkte für antifeministische Narrative bieten. In der Jugendarbeit wird von tätlichen Angriffen auf Einrichtungen, politischen Versuchen der Diskreditierung und Mittelentzug, sowie von Hass-Kommentaren in den Sozialen Medien berichtet. Als treibende Kräfte werden vielfach genannt: extrem rechte politische Gruppen und rechte Parteien sowie christlich-fundamentalistische, evangelikale Gruppen aus dem Spektrum der „Lebensschützer“, Influencer:innen in den sozialen Medien. Manche davon machen selbst Angebote, verwenden dabei jugendgerechte Sprache und sind nicht immer leicht zu erkennen.
Die Absicht: Durch die antifeministischen Angriffsdimensionen von Beleidigungen über hate speech bis hin zu manifester Gewalt sollen sich Betroffene aus dem öffentlichen Raum zurückziehen. Es wird mit Einschüchterung und Delegitimierung gearbeitet. „Demnach untergräbt Antifeminismus auch die Demokratie, wenn Teilhabe, Pluralität oder auch gesetzlich verankerte Grundprinzipien nach Grundgesetz Art. 3, also die Gleichberechtigung der Geschlechter, verhindert werden sollen“ (GWI 2025, S. 2).
So überrascht es nicht, dass antifeministische Narrative Bestandteile rechter und rechtsextremer Denkmuster sind.
Wir müssen also die Bedrohung von Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit durch Rechtsextremismus und Antifeminismus zusammendenken, als zwei Seiten desselben. Ihre Mechanismen sind z.B.:
- Privatisierung von Lebensformen: Die Ideologie besagt: jede kann leben, wie sie will, aber bitte dieses „Private“ nicht in die Politik bringen. Mit der Begründung, dass niemand reinreden solle in Lebensentwürfe, klingt diese Ideologie wie Freiheit, aber bedeutet: andere Lebensformen unsichtbar zu belassen bzw. nicht erkennen wollen, wie Lebensformen immer durch Strukturpolitik beeinflusst sind / behindert werden – denken wir nur an die Ehegesetze, es gibt keine unpolitische Privatheit;
- Ethnisierung von Sexismus und sexualisierter Gewalt: Erinnerung an die Silvesternacht in Köln, und allgemeiner die Erzählung, dass Gewalt gegen Frauen von Migranten ausgehe und die Rechten die Frauen schützen wollten, was bedeutet: die sog. alltägliche Gewalt, die in der Familie, Schule und auf der Straße stattfindet, den täglich stattfindenden Feminizid … zu ignorieren und diese Opfer nicht zu schützen;
- die Ablehnung sexueller Bildung: Die Ideologie besagt: Kinder müssten vor sexuellem Wissen geschützt werden, weil es sie deformiere, was bedeutet: das Vorenthalten von Informationen über andere Lebensentwürfe, das Ignorieren kindlicher Diversität und Beeinträchtigung der Entwicklung sexueller Selbstbestimmung;
- und die Schließung von Rollenbildern: wir finden die Propagierung modern-traditioneller Bilder von ‚Frauen am Herd‘ und ‚Männer raus ins feindliche Leben‘… » Rückfall in binäre essentielle Geschlechterbilder, die schon immer zur Einschränkung weiblicher Selbstbestimmung herhalten mussten.
Das alles ist der Versuch, rechte Frauenpolitik als kritisch und modern auszuweisen. Darum müssen die Elemente dieses Pseudofeminismuss kenntlich gemacht werden, müssen die Spaltungen durch antifeministische Einlullungen zum angeblichen Schutz von (nur bestimmten) Frauen aufgedeckt werden.
Es gilt, die Narrative (also diese Pseudozusammenhänge) zu entlarven und nicht zu übernehmen, auch nicht ständig zu wiederholen. Denn – das ließ sich im Wahlkampf ganz besonders beobachten – allgemein machen sich die Menschen Sorgen um das, worüber wir ständig reden, was ständig benannt wird.
Zum Beispiel: Alle regen sich – zu Recht – über Angriffe, Morde auf, die von Nichtdeutschen begangen wurden. Aber: 2023 wurden 938 Mädchen und Frauen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten, 360 Mädchen und Frauen getötet. Damit ereignete sich in Deutschland im Jahr 2023 fast jeden Tag ein Femizid (Täterschaft keineswegs vorrangig migrantisch) (Lagebild der Bundesregierung von 25. Nov. 2024, Zahlen des BKA) » Zunehmende Tendenz! Feminizide macht aber niemand zum TOP-Thema. Das, allein das, beweist, dass die Aufgeregtheiten, das ständige Thematisieren bestimmter Vorkommnisse und die Schlussfolgerungen daraus, immer auch eine andere Absicht – als den reinen Schutz – im Schilde führen!
Nicht zuletzt die neue Trump-Doktrin, dass wir zu viel Diversity pflegen und endlich uns wieder einig und gemeinsam auf die Grundwerte besinnen sollten, verschiebt den Blick auf Gerechtigkeit. Traditionelle Frauenbilder und Gesellschaftsstruktur werden gegen das – angebliche – Zuviel an Wokeness, Verschiedenheitsachtung etc. als das neue Normal hochgehalten.
Deshalb ist entscheidend, wie wir über welche Dinge sprechen. Das Sprechen erzeugt Wahrnehmung, erzeugt Reaktionen, Politik, Wirklichkeiten.
2. Die Konflikte in den feministischen Bewegungen und die Generationenfrage
In den verschiedenen Feminismus-Facetten sehen wir (mind.) zwei für uns hier wichtige Tendenzen: Zum Einen: Die Generation feministischer und gleichstellungspolitischer Pionierinnen ist in die Jahre gekommen. Diese Entwicklungen erfordern Überlegungen, wie die Erfahrungen der älteren Generationen vermittelt und erhalten werden können und gleichzeitig diejenigen der Jüngeren nicht zu kurz kommen, um so zu einer gemeinsamen Entwicklung von Perspektiven zu gelangen. Das Thema der Verständigung zwischen den Generationen / Generationenwechsel ist eng verbunden mit politischen Verständigungen darüber, welches die zentralen Konfliktlinien im Geschlechterverhältnis (und in der Gesellschaft generell) nun eigentlich sind.
So gibt es zum Andern neue Trennlinien zwischen verschiedenen Feminismen, frühere Gewissheiten scheinen heute überkommen und passen nicht für neu benannte Themen (Zum Beispiel Auseinandersetzungen über die Zugänglichkeit von Frauenräumen für Transfrauen oder über die Frage der Bündnissuche mit engagierten Männern etc…).
Fragen nach Solidarität sind deshalb auch Fragen nach Kontinuitäten und Veränderungen, nach Übergängen, Wertschätzungen und Weiterentwicklungen und Lernprozessen.3
II. Wie verstehen wir (feministische) Politik?
Weibliche Freiheit geht nur in Verbindung, Ein kleiner Blick zurück zeigt uns, dass feministische Politik nicht mit Gleichstellungsforderungen und Karrierewünschen begann und auch nicht darin aufgeht. Vielmehr läutete sie eine neue Sichtweise auf uns selbst als Frauen ein (Margrit Brückner bei der tifs Tagung 2024, s. tifs 2025). Das Thema war: wer bin ich als Frau? Was wollen wir als Frauen? Wie wollen wir leben? Wie verbinden wir uns miteinander? Und was hindert uns daran, dies umzusetzen?
Was macht uns – gemeinsam – stark?
Zu Beginn der neuen Frauenbewegungen begannen Frauen, sich zuzuhören, zu sprechen. Miteinander und später auch öffentlich. Dies als Politik zu begreifen.
Das war und ist ein Verständnis von Politik, das nicht von den Institutionen her denkt, sondern vom Gestaltungswillen, von der Selbstbestimmung her – von Ermächtigungspraxis.
Durch das ehrliche genaue Hinschauen UND Reden drüber wurden nach und nach die Mechanismen der patriarchalen Dethematisierung und Kleinhaltung von Frauen und ihrem Begehren deutlich, auch von den Definitionen, wer oder was eine Frau sei oder zu sein habe. Und das min. in den drei Dimensionen der (sozial)politischen Ordnung (Ehegesetze, Ehegattensplitting, Familienförderung, Frauenberufe und ihre Entlohnung etc…), der symbolischen Ordnung (Sprache, Zugehörigkeiten, Repräsentationen in allen gesellschaftlichen Bereichen) und der subjektiven Selbstbetrachtung (Identität, eigenes Begehren, Anpassungsleistungen…).
Die entstehenden feministischen Frauen- und Mädchenprojekte sahen sich als Teil eines frauenpolitischen Kampfes, denn „Frauen können sich nur selbst befreien“, so der Slogan. Es ging um ein solidarisches, hierarchie- und konkurrenzfreies Miteinander im eigenen Namen.
Nun ist schon lange die Einheit der Frauen, die vermeintlich mühelose Gemeinschaftlichkeit entzaubert. Unterschiedliche Interessen von Lesben, Müttern, queeren Personen, coloured woman, das Übersehen von sozialen Ungleichheiten – all dies verlangte – zu Recht – nach Artikulation und führte zu endlosen Debatten, wer für wen sprechen dürfe, wer wo dazugehöre, etc. Dazu kommen immer wieder trennende Machtwünsche, versteckte Hierarchien, gefährliche Liaisonen mit dem Neoliberalismus (Fraser 2014), mit den neoliberalen Vernutzungen im Kapitalismus (Stichwort: Recht auf Erwerbsarbeit vs. Jede Frau muss ihre Leistung auf dem Arbeitsmarkt bringen und ist für ihre Lebenssituation selbst verantwortlich…).
Und zugleich orientierte sich feministische Politik stärker auf eine staatliche Politik, die per Regeln, Gesetzen und Strukturförderungen die Gleichberechtigung und Anerkennung erzeugen soll. Das hat einiges vorangebracht: Projektförderungen, Verbot von Vergewaltigung, Strafbarkeit sexualisierter Gewalt, Antidiskriminierungsvorgaben in Betrieben und Institutionen etc. Setzte aber auch auf grundsätzlich aufgeschlossene Stimmung.
Doch das hilft spätestens heute nur begrenzt weiter. Die Politik ist zunehmend weniger interessiert daran – wie ich ja schon aufgezeigt habe. Wir müssen erleben, wie Mittel gekürzt werden, sprachliche Errungenschaften („Gendern“) zurückgefahren und in einigen Bundesländern strafbar gemacht werden, Fördertöpfe geschlossen werden – wie wir gerade erfahren haben: der Fonds für die Opfer sexuellen Missbrauches42 wird nicht mehr weitergeführt und selbst die grüne Ministerin Paus hat sich nicht darum gekümmert, obwohl sie es seit einem Jahr weiß, Angriffe auf das Programm „Demokratie leben“ …
Klein beigeben und warten auf bessere Zeiten? Wohl kaum.
Da lohnt es sich, andere Stränge feministischer Politik zu betrachten.
Gemeinsam mit Görls erinnern wir uns an den Ansatz des affidamento (auf deutsch etwa: sich anvertrauen), der von Frauen des Mailänder Buchladenkollektivs in den 80er Jahren in die Welt erzählt wurde. Nicht zufällig heißt deren Buch „Wie weibliche Freiheit entsteht“ (1989 erschienen)5. Freiheit meint bei diesem Ansatz nicht die von außen befreite Situation, sondern eine innere Orientierung, die sich frei macht – oder freier – von patriarchalen Normen und Orientierungen. Das Herzstück ist die Bedeutung von Beziehungen unter Frauen – und zwar nicht als Theorie, sondern als politische Praxis.
Die Freiheit der Frauen gründet auf einer Praxis der Beziehungen von Frauen untereinander und nicht in ihrer Ankerkennung seitens der Männer oder patriarchaler bzw. staatlicher Strukturen. Mit »Affidamento« ist gemeint, dass eine Frau sich mit ihrem Begehren der Autorität einer anderen Frau anvertraut und daraus Maßstäbe, Orientierung und Selbstvertrauen findet, in der Welt zu handeln und die Welt nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen mitzugestalten (vgl. Antje Schrupp, affidamento 09). Aber: „Es ist keine Zweierbeziehung, denn wir sehen, dass sie sich bald verzweigt; andere Beziehungen entstehen, angeregt durch die neue Möglichkeit, die Ganzheit des eigenen Menschseins, den weiblichen Körper und weiblichen Geist, ins Spiel zu bringen“. (Wie weibliche Freiheit entsteht, S. 182f in Schrupp affidamento 09). Weiblicher Körper und weiblicher Geist? Die stehen hier für ein verborgendes, nicht-dominantes Wissen und Kraft. Ihnen geht es also nicht um ein abstraktes Konzept von Beziehung, sondern darum, dass wir uns gegenseitig in unseren Vorhaben, welche auch immer das sein mögen, bestärken, kritisieren, darüber diskutieren, Pläne schmieden, uns gegenseitig sagen, wenn eine sich irgendwohin verrennt, uns Mut machen, wenn wir ängstlich sind, diskutieren, was sich an offenen Fragen zeigt. Es ist die Praxis der Bezugnahme – in Verschiedenheit –, die hier als politischer Kern der Veränderung verstanden wird.
Das Wort ‚Begehren‘, das im Italienischen viel weniger sexuell konnotiert ist, sondern mehr das dringende Wünschen meint, zielt auf das Begehren, die Welt zu gestalten, zu lernen, zu entdecken (und das ist eminent politisch). Denn es geht nicht einfach nur um einen tollen Job, um Anerkennung innerhalb des vorgegebenen Systems. Übrigens: Auch Christina Thürmer-Rohr hat immer wieder auf diese anzustrebende politische Selbstpositionierung hingewiesen: sich nicht zum Opfer zu machen, das nicht teilhaben darf, sondern die Welt ergreifen zu wollen (Mittäterschaft und Entdeckungslust).
Antje Schrupp, die nicht müde wird, diesen Ansatz auch heute noch in Deutschland zu erklären, schreibt: „Jedenfalls ist es schwer, dem eigenen Begehren zu folgen, da wir in einer Welt leben, die auf das Begehren einer Frau nicht gewartet hat. Die heute zwar nicht mehr behauptet, Frauen hätten gar kein Begehren, die aber heute versucht, –…– es umzuleiten auf das Erwartbare, auf ehemals männliche Privilegien wie Geld, Status, Karriere“ (Schrupp affidamento09, S. 4).
Manche halten das für naiv. Oder nicht mehr zeitgemäß.
Weil sie es für Privatisierung und Idealisierung von Frauenbeziehungen halten. In der Abwendung von der Adressierung des Staates vielleicht auch für neoliberal… Weil sie finden, dass so heute nicht mehr von Frauen gesprochen werden kann wie vor 30 Jahren.
Hm. Alles richtig und zugleich nichts davon…
Denn es geht nicht darum, sich einfach mit beliebigen Frauen gemein zu machen, egal, was sie denken oder wo sie politisch stehen. „Natürlich ist nicht jede Beziehung unter Frauen ist hilfreich für die weibliche Freiheit“. (a.a.O. S.5). Es ist auch kein Aufruf zur Solidarität mit rechten Frauen. „Frausein allein ist kein Programm“ (Strobl 1984). Vielmehr zielt dieses Verständnis darauf, sich mit Ansätzen und Personen zu verbinden, die sich dem patriarchalen Narrativ entziehen, oder sich entgegenstellen, nicht selbstverständlich den patriarchalen Bezugsrahmen als gesetzt leben (was auch bequem ist). Es ist nicht beliebig – aber es ist nicht nur bezogen auf die eigene Gruppe, auf die, die so sind wie ich…
Und heute würden wir auch nicht mehr einfach ‚Frauen‘ sagen. Damals war es neu, transformativ, Frauen ins Licht der Aufmerksamkeit zu rücken. Heute könnten wir bei diesem Ansatz die Verbindung von Menschen meinen, die sich der patriarchalen Ordnung, wie auch immer, entgegenstellen: Feminist_innen unterschiedlichster Zugehörigkeiten. Das Anvertrauen betont gerade nicht die Gleichheit, sondern die Verschiedenheit. Differenzen werden im Affidamento nicht geleugnet. Dabei wird Differenz nicht als Zustand aufgefasst, sondern als Potenz, als Kapital oder Schatz, der sich im Austausch mit anderen Differenzen mehren und entwickeln lässt. Die Mailänderinnen laden schon lange auch Männer ein, sich an der Revolution der symbolischen Ordnung zu beteiligen – und damit die politische Ordnung zu verändern.
Das Politische an diesem Ansatz ist – zusammengefasst – das potentielle Verlassen des gegebenen Rahmens der derzeitigen (Staats)Politik. Es ermöglicht, jenseits des gegebenen Spielraums wieder einen Ort zu finden für Politik. Es betont die Arbeit an unserem Selbstverhältnis zur Welt. Es betont die eigenen Maßstäbe.
Und an dieser Stelle (bevor ich zum dritten Punkt komme) möchte ich die langen Jahre der Arbeit von Görls e.V. hervorheben als ein Beispiel für so eine Politik. Görls fing an, selbst Maßstäbe zu setzen, nicht als erstes zu bitten, sondern erstmal machen, was notwendig schien. Mädchen einen Raum zu geben, Mädchen die Möglichkeit geben, andere Frauen zu erleben, aber auch die Mitarbeitenden sich gegenseitig anvertrauen und von da aus nach außen zu wirken. Und mit der Idee des Mädchenhauses sich gegen jede „Machbarkeitsabwehr“ zu stellen und zu wissen, wir wollen das, das ist unser Begehen, so wollen wir die Welt hier in Reutlingen haben. Das hat Kraft gegeben und Solidarität ermöglicht.
III. Solidarität und Konflikt sind kein Gegensatz – über den Horizont einer aktuell notwendigen strategischen Bündnispolitik
Was hat das alles mit Solidarität zu tun? Und mit welcher Solidarität?
Es geht zugleich um:
- Solidarität mit Betroffenen von patriarchaler Gewalt
- Solidarität mit demokratischen (feministischen, aber nicht nur) Gruppen und Aktivitäten
- Solidarität untereinander als Basis für Netzwerke und Bündnispolitik
Wir alle machen (unterschiedliche) Erfahrungen aufgrund der Zugehörigkeit zu verschiedenen Generationen und zu weiteren Lebenslagen, Identitäten und Traditionen. Immer wieder erleben wir, wie eng wir den Kreis der Selbstverständigung ziehen, wie schnell wir bereit sind, mit dem Finger auf andere als nicht dazugehörig, falsch denkend oder gar als Verräter_innen zu zeigen – oder in einen Wettbewerb zu treten, wer nun am meisten unter dem Patriarchat zu leiden hat etc.…
Es gibt (zum Glück) keine einheitliche feministische Bewegung …- Wir fragen: Wie kann eine Bezugnahme / eine Zusammenarbeit aussehen, ohne dass eine Seite mehr recht hat als die andere, ohne in binäre Entweder-Oders zu verfallen und ohne verschiedene Interessen aus ganz unterschiedlichen diversen Gruppen wieder außen vor zu lassen?
Denn wir müssen feststellen: (Fast) unabhängig davon, welche Ungleichheitskategorie jeweils aktualisiert wird: immer ist Adressiertwerden ein Machtspiel mit Zuweisungen und hohem Verletzungspotential. Deshalb wird es ja interaktiv auch immer wieder schwierig und konflikthaft – mühsam kämpfen alle jeweils um ihr Recht und ihr Bedürfnis auf Anerkennung.
Es wird immer unterschiedliche Interessen und Wichtigkeiten geben.
Beispielsweise. zwischen denen, die die patriarchale Ordnung schon lange hinterfragen (z.B. schon „ewig“ in Frauenprojekten arbeiten) oder es gerade erst entdeckt haben… oder denen, die „unter sich“ sein wollen, weil sie in der dominanten Ordnung sich nicht ausdrücken können/ dürfen oder sich nicht zeigen wollen… Solche Unterschiede verlangen im je konkreten nach konkreten Lösungen vor Ort. Mit wacher und interessierter gegenseitiger Wahrnehmung. Und ohne politische Vereinnahmung, Vereindeutigung oder immer öfter: gecancelt zu werden. Denn dabei wird nur zu oft übersehen, woher das Anerkennungsdefizit eigentlich kommt, welche Geschichte es hat etc. Und: wie sehr wir dem Patriarchat mit solchen Spaltungen in die Hände spielen.
Somit ist Solidarität primär eine individuelle Entscheidung, andere zu sehen in ihrer Berechtigung so zu leben, wie sie es wünschen – und andere zu sehen in ihren Verletzungen (durchs Patriarchat). Solidarität ist nichts Verordnenbares. Auch nichts, was nur Gleiche für Gleiche zu leisten brauchen. Solidarität ist nicht Gleichmacherei, sondern Verständnis, Mit-Empfinden und Lernen-wollen (Mailänderinnen: sich anvertrauen = Vertrauen).
Dennoch: Solidarität bedeutet zugleich klare Abgrenzung, wo Rechte mit Füßen getreten werden und körperliche und andere Übergriffe ein kommunikatives Miteinander verunmöglichen.
Wir lernen aus dem affidamento-Ansatz: Verschiedenheit als Chance.
Das öffnet den Weg zu Bündnissen mit einer größeren Reichweite.
Denn wir brauchen andere, wir brauchen verschieden andere, um eine andere Welt zu gestalten, in der wir für unsere Rechte einstehen, für bessere Bedingungen kämpfen, und in die Öffentlichkeit tragen.
In dem Band von 2022 mit dem wunderbaren Titel „der Welt eine neue Wirklichkeit geben“ wird u.a. mit Bezug auf Sabine Hark geschrieben, dass es für mehr Solidarität mannigfaltigen Wissens (durch miteinander reden) bedürfe, um zu erproben, was es hieße, „unsere affektiven Bande über die Grenzen von Ähnlichkeit [...] hinaus auszuweiten“ (Butler/Athanasiou 2014: 254) (Susanne Völker 2022: 266).
Wir brauchen also Bündnisse unter Frauen* – und wir sollten uns nicht aufhalten bei Definitionen, wer dazu gehört (trans ja oder nein…), sondern herausfinden, wer für die gleichen Ziele jenseits der vorherrschenden – immer noch, wenn auch modernisierten patriarchalen – Ordnung sich bewegen will. Statt Zugehörigkeiten auszubuchstabieren, sollten wir wahrnehmen, wer angegriffen wird und wer sonst noch solidarisch ist…
Es ist hier keine Absage an Gleichstellungs- und Institutionenpolitik. Wir leben in dieser Welt und sind mit ihren Notwendigkeiten konfrontiert. Dazu gehört es, dass wir, um bestimmte Dinge zu erreichen, auch auf Männer – oder ihre Institutionen wie Recht und Gesetz, Staat und Macht, angewiesen sind. Affidamento bedeutet nicht, sich da herauszuziehen und in einer gemütlich kuscheligen weiblichen Nische einzurichten. (Schrupp, affidamento 09, S. 5).
Zur Zeit erleben wir, dass Strukturen der feministischen Politik ausgehöhlt oder abgeschafft werden und Netzwerke wegbrechen.
Das ließe sich ausbuchstabieren: z.B. bei einem CDU Wahlprogramm, das u.a. eine veraltete Aufteilung von Care- und Erwerbsarbeit fördert, sehen wir die reale Gefahr, dass die Wertschätzung und Sichtbarkeit von Care-Arbeit sich wieder verschlechtern wird; oder: die AFD, vereint mit BSW, will alle Genderstudies abschaffen und die Luft für zivilgesellschaftliche Initiativen soll auch dünner werden (s. Anfrage von Friedrich Merz zu 551 Trägern zivilgesellschaftlicher Arbeit)… oder wie anfangs gesagt: sexualisierter Gewalt ins Zentrum von Gewaltdiskussionen rücken.
Und so werden strategische Bündnisse wichtiger denn je.
Solidarität verlangt auch: Verständigung eingedenk unterschiedlicher Positioniertheiten in Machtverhältnissen. Und auch: Verständigung für die Suche nach Gemeinsamkeiten – über Unterschiede hinweg, um Bündnispolitik intergenerational und in intersektionalen Ungleichheitsverhältnissen zu ermöglichen.
Solidarität unter Gleichgesinnten, die sich überwiegend einig sind, ist easy. Es geht bei Solidarität auch und gerade um die ‚uneasy alliances‘ (Butler).
Unter Berücksichtigung dessen, was uns trennt, aber auch unter Berücksichtigung dessen, was uns verbindet.
Vielen Dank für das Einlassen auf diese Gedanken!!
Fußnoten
- In der Leipziger Autoritarismus Studie wird seit 2002 untersucht, wie weit extrem rechte Einstellung in der Mitte der Gesellschaft verbreitet sind. Die Ergebnisse werden alle zwei Jahre veröffentlicht. im Zwei-Jahres-Rhythmus repräsentative Erhebungen, Kooperation mit Heinrich-Böll-Stiftung seit 2016. Über die Jahre entwickelten sich die Studie zu einem vielbeachteten Barometer politischer Einstellung in Deutschland. Die gewonnenen Daten und die sozialpsychologischen Analyse der Studienreihe der Universität Leipzig sind heute zur bundesweiten Grundlage der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus geworden. zurück nach oben
- Camino – Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich gGmbH in Berlin, Nov 2024 zurück nach oben
- im Taz Leserinbriefe vor ein paar Tagen (März 2025): „Der große Triumph der Andokratie ist, uns Frauen die Schwesternschaft abtrainiert zu haben“) zurück nach oben
- Der Fonds Sexueller Missbrauch (kurz FSM) ist ein Hilfsfonds für Opfer sexuellen Missbrauchs, der im Mai 2013 von der deutschen Bundesregierung als Umsetzung der Empfehlung eines ergänzenden Hilfesystems durch den Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch eingerichtet wurde. zurück nach oben
- „Man sollte sich vom Staat nicht die Freiheit erhoffen“, Interview mit Antje Schrupp über den Mailänder-Ansatz, taz 24.7.2025 zurück nach oben
Literatur
Camino: vgl. Interview mit Camino zum Fachtag: Auswirkungen von Antifeminismus auf die Jugendarbeit – Problemlagen und Gegenstrategien am 22.11.2024 https://www.ufuq.de/aktuelles/antifeminismus-in-der-jugendarbeit-eine-studie-liefert-neueerkenntnisse/ Abruf 7.3.2025
Fraser, Nancy 2014: Demokratiedefizit soziale Gerechtigkeit: Zur Krise der repräsentativen Demokratie und zur Krise der sozialen Reproduktion. Heinrich-Böll-Stiftung, Policy Paper No. 7, https://www.boell.de › sites › default › files › 2022-08 ›policy_paper_07_nancy_fraser_1.pdf
GWI Gunda-Werner-Institut 2025: Was ist Antifeminismus? https://www.gwiboell.de/de/2025/02/12/was-ist-antifeminismus, abgerufen 6.3.2025
Jaeggi, Rahel 2022: Solidarität als zärtliche Bürgerlichkeit. Verstreute Überlegungen mit zur Gemeinschaft der Ungewählten. In: Hannah Fitsch, Inka Greusing, Ina Kerner, Hanna Meißner, Aline Oloff (Hg.): der Welt eine neue Wirklichkeit geben, Feministische und queertheoretische Interventionen, transcript Verlag, Bielefeld S.97–107
Schrupp, Antje: Affidamento – die politische Praxis der Beziehungen unter Frauen. Vortrag in der Reihe »Denkräume«, 18.9.2009 im EVA, Frankfurt https://www.antjeschrupp.de/affidamento-09, Abgerufen 22.2.2025
Strobl, Ingrid „Frausein allein ist kein Programm“. Essays, Aufsätze und Gedanken. Kore, 1989, Neues Leben Berlin 1984
Tifs e.V 2025: newsletter 2024-2025, Bericht von der Tagung 30-jährigen Jubiläum des tifs „Konfliktfreudig solidarisch“, https://www.tifs.de/news/stellungnahmen
Völker, Susanne 2022: Leben in mehr als menschlichen Relationen: Die Fähigkeit zu antworten erweitern. In: Hannah Fitsch, Inka Greusing, Ina Kerner, Hanna Meißner, Aline Oloff (Hg.): Der Welt eine neue Wirklichkeit geben, Feministische und queertheoretische Interventionen in der Welt eine neue Wirklichkeit geben, transcript Verlag, Bielefeld, S. 265–276
Zitationsvorschlag
Bitzan, Maria 2026: Women Power United – Mit weiblicher Solidarität Gesellschaft verändern. In: tifs-Einwürfe. Tübinger Institut für gender- und diversitätsbewusste Sozialforschung und Praxis e.V. Verfügbar unter: https://tifs.de/tifs-einwuerfe/women-power-united-mit-weiblicher-solidaritaet-gesellschaft-veraendern [Abgerufen am Datum]
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